Thuram, ein Leben gegen den Rassismus02 Dezember 2005

TURIN – Herr Lilian Thuram, Sie leben schon seit zehn Jahren in Italien und engagieren seit eh und je in erster Linie im Kampf gegen den Rassismus: Wird Zoros Aufschrei was bringen?
„Ich weiß nicht, es ist schwer, bestimmte Leute zu bekämpfen. Und es ist unmöglich, allen den Mund zuzubinden“.

Es ist leider allzu leicht, Sie „anzubuhen“, nur weil Sie schwarz sind.
„Neben dem Rassismus deprimiert mich auch die Respektlosigkeit gegenüber der anderen Mitmenschen, egal wie anders sie sind. Diese Leute begreifen nicht, dass manchmal sie selbst die „Anderen“ sind: Was passiert dann? Ich kann ohnehin diese Leute nur schwer beschreiben“.

Wollen Sie’s nicht trotzdem versuchen?
„Sie nur als blöd zu bezeichnen scheint mir zu wenig. Unerzogen, vielleicht, selbst wenn ich glaube, dass sie sehr wohl sich dessen bewusst sind, was sie anrichten. Das Grundproblem ist die Kultur, die Erziehung. Es ist ein soziales Problem“.

Schlechte Lehrer, also?
„Ja: es fehlt nämlich die Erziehung zum Respekt. Was heißt es, „buuuh“ auszurufen?“.

Das soll wohl heißen, dass Schwarz gleich Affe ist. Richtig?
„Richtig, und das weil uns gelehrt wurde, dass die Schwarzen keine Menschen, sondern nur Tiere waren. Nur so konnte man den Sklavenhandel rechtfertigen. Jetzt regiert die Macht nur indem den Leuten Angst eingeflossen wird“.

Angst?
„Nach dem 11. September wird jeder, der ein wenig Bart und eine leicht dunkle Haut hat, mit Argwohn betrachtet. Die Leute haben Angst, und die Macht kann das bieten, was die Leute wollen: Sicherheit. Im Namen der Sicherheit ist man berechtigt, alles zu tun. Wenn man den Leuten Respekt statt Argwohn beibringen würde, würde die Welt anders sein. Ich sehe aber nur noch, wie die schlechten Lehrer sich vermehren“.

Wen meinen Sie damit?
„Ich habe in der Zeitung gelesen, dass ein wichtiger Kardinal von der Ehe zwischen Leuten unterschiedlichen Glaubens, zwischen Katholiken und Moslems, abgeraten hat. Was ist das für eine Logik? Ich meine, es gibt ein Gebot, das besagt, dass man den Nächsten lieben soll wie einen selbst. Ich möchte wirklich wissen wie, nach Meinung dieses Kardinals, Jesus seinen Nächsten ansah. Ob er versteht, wie gefährlich seine Worte sind?“.

Wie gefährlich sind sie denn?
„Diese vier Trottel, oder unerzogene Menschen, die Zoro so beleidigt haben, haben das ganze Publikum nicht mitgerissen, denn die Mehrheit ist mit einer solchen Haltung nicht einverstanden. Die Rede jenes Kardinals kann aber sehr wohl mitreißen, konditionieren, überzeugen“.

Was Kardinal Ruini gesagt hat, hat sie also echt beeindruckt?
„Es sind Worte, welche die Trennung stiften, anstatt dass sie die Annäherung fördern. So werden wir uns weiter misstrauisch taxieren. Sehen Sie, wie wir wieder zur Basis zurückkommen, d.h. zu Bildung und Erziehung? Wenn die Erziehung so aussieht, kann man wohl nichts anderes als Intoleranz erwarten“.

Diese Woche werden alle Fußballspiele fünf Minuten später beginnen: Reicht das, bringt das was?
„Es reicht nicht, aber es bringt was, denn der Verein Figc macht somit eine Aussage gegen den Rassismus. Das Problem ist, dass noch nicht mal ich die Lösung kenne. Fünf Minuten sind auf jeden Fall besser als Nichts“.

Waren sie oft Opfer von rassistischen Angriffen?
„Die üblichen Chore, die ich sowieso nicht mehr wahrnehme. Zum Glück bin ich als Franzose, wenngleich aus dem Übersee, nach Frankreich gekommen, und dies war mir eine Hilfe: Ich sprach die Sprache schon und kannte die Kultur, zwei wichtige Sachen. Soll ich Ihnen mal was erzählen?“.

Das Letzte, was Ihnen passiert ist?
„Genau. Letzte Woche war ich in Paris. Ich gehe ins Restaurant, frag ob ich rein kann, denn ich war mit jemandem verabredet, aber ein Verantwortlicher schaut mich böse an und fängt an, mich mit unzähligen Fragen zu überschütten: Wer sind Sie, Was wollen Sie, Mit wem sind Sie verabredet?“.

Und dann?
„Dann erkennen mich ein paar Türsteher, aber ich bitte Sie, so zu tun, als nichts wäre. Ich wollte verstehen, wieso man so misstrauisch mir gegenüber war, und wie weit dieser Typ gehen würde. Tatsache ist, dass er am Ende, nach einer langen Diskussion, mich rein lässt. Ich bin zu meinem Tisch gegangen, konnte es aber dort nicht aushalten und hab das Lokal wieder verlassen“.

Warum?
„Weil ich das dumpfe Gefühl hatte, dass das mir entgegengebrachte Misstrauen von meiner Hautfarbe abhing. Es ist schrecklich, von diesem Zweifel geplagt zu sein, es ist absurd. Was noch schlimmer ist: Für die anderen ist es kein Zweifel, sondern eine Gewissheit. Der Abend ging dann noch weiter“.

Und wie?
„Ich ging in ein neues Lokal, wo ein Türsteher und eine Person mit arabischen Gesichtszügen eine Schlägerei begannen. Die wollten ihn nicht rein lassen, er protestierte, es kam zu einem Handgemengel. Und alle sagten: Siehst du?, Araber sind gewalttätig. Also frage ich mich: Und ist es keine Gewalt, jemanden zu demütigen, nur weil wir – fälschlicherweise – seine Gesichtszüge mit was Bedrohlichem assoziieren?“.

Was denken Sie über die Gewaltwelle in den Banlieues?
„Noch etwas, was man meiner Meinung nach laut sagen sollte: Die Casseurs haben sich wie Verbrecher verhalten, es war falsch. Sie waren jedoch in jeder Hinsicht französische Verbrecher, französische Staatsbürger seit Generationen. Für die öffentliche Meinung waren sie allerdings „nur“ Afrikaner. Selbstverständlich Afrikaner, vor denen man sich fürchten muss“.

Meinen Sie nicht, dass es falsch ist, dass Einwanderer in Europa ihre „Clans“ wieder zu bilden versuchen?
„Das ist aber eine natürliche, physiologische Haltung. Wenn ein Italiener im Ausland einen anderen Italiener trifft, so kommen sie sich gegenseitig näher. Es ist eine Sache der Verwandtschaft, der Kultur, der Sprache. Manchmal machen die anderen Spieler in der Mannschaft Witze drüber: Lilian, ihr Ausländer seid immer in der Gruppe anzutreffen. Und ich sage: Ihr etwa nicht? Nur weil ihr zu fünfzehnt seid, und wir nur zu fünft, seid ihr denn keine Gruppe? Die größere Gruppe sollte doch diejenige sein, die sich der kleineren öffnen sollte, das war aber nicht der Fall und es gab keine Integration, deshalb leben in den Banlieues Jugendliche, die Afrika nie gesehen haben, trotzdem aber nicht als französische Mitbürger angesehen werden. Es gibt dann ein weiteres Problem“.

Welches?
„Niemand hat je verstanden, dass jemand, der auswandert, es nur aus einem Grund tut: Er ist auf der Suche nach einem glücklichen Leben. Er verlässt sein Land, weil man da nicht arbeiten, essen, leben kann: Die gleichen Gründe, also, die die Italiener zur Auswanderung in die USA bewegt haben. Die westliche Welt hat für diese Leute nie Platz gehabt. Die Politiker haben sich sowieso immer nur um die Interessen der Reichen gekümmert“.

Sie haben zwei Söhne, der eine heißt Chefren. Wieso?
„Ich habe ihm einen Pharaonamen gegeben, weil ich will, dass die Leute lernen, dass auch Afrika eine Geschichte, eine Kultur, eine Vergangenheit hat. Für viele gibt es Afrika nur ab dem Zeitpunkt, als die Sklaven in die Schiffe gekarrt wurden. In Afrika ist die Spezies Mensch entstanden – doch so weit will ich nicht greifen. Ich möchte nur, dass man sich daran erinnert, dass das alte Ägypten schon immer in Afrika war und dass das Volk, das diese außerordentliche Zivilisation gründete, eine dunkle Haut hatte. Ich frage mich, wie viele es wissen“

Ob Herr Sarkozy es weiß?
„Ich habe ihm schon geantwortet. Ich bin sowieso unter Leuten groß geworden, die er als „Abschaum“ bezeichnet. Er sagte jedoch auch ziemlich interessante Sachen, wie zum Beispiel vor ein paar Tagen: Er griff Italien und Spanien an, die seiner Meinung nach zu viele Ausländer rein gelassen haben. Das sind auch gefährliche Worte, genauso wie jedes Vorurteil gefährlich ist“.

Auch in Religionssachen?
„Ja. Vor einiger Zeit gab ich einem Bettler etwas Geld, und er fragte mich, ob ich Moslem bin. Ich war beleidigt, wollte fast das Geld zurückholen, sagte ihm dann: Freundchen, was spielt das für eine Rolle, was ich bin? Ich bin ein Mensch, genauso wie du. Alles andere zählt nicht“.

Sind Sie auch gegenüber der Kirche argwöhnisch?
„Ich befürchte, dass die Religion, jede Religion, vor allem ein Zentrum der Macht ist. Wenn ich mich nicht irre, war’s auch im Mittelalter so. Ich glaube, dass alle Menschen auf dieser Welt ein glückliches Leben mit ihren Familien führen möchten, aber die Macht – die politische oder die religiöse – ist nur darauf hinaus, die Köpfe der Menschen mit einem einzigen Ziel zu konditionieren: Sie zu kontrollieren“.

(Quelle: www.repubblica.it)